Vor 35 Jahren, am 26. Juni 1977, gibt Elvis Presley ein Konzert in Indianapolis. Was die begeisterten Fans nicht ahnen: Es ist der allerletzte Auftritt ihres Idols. Denn zum Zeitpunkt des Konzerts ist der 42-jährige Sänger schon todkrank.

Es wird dunkel in der Market Square Arena. Nachdem die 18.000 Besucher etwa eine Stunde vorgeheizt worden sind vom Komiker (damals hieß das noch nicht „Comedian“) Jackie Kahane, mit Musik von J.D. Sumner & The Stamps und den Sweet Inspirations, nachdem die letzte Umbaupause zu Ende ist, warten ein Gesangsmikrofon, eine frisch gestimmte Gitarre und die Begleitband auf den Star des Abends. Das Licht geht aus, und das Gekreische geht los. Alle wissen: Elvis kommt. Die ersten Takte von Richard Strauss‘ sinfonischer Dichtung „Also sprach Zarathustra“ schmettern aus den Lautsprechern. Stanley Kubrick hat diese Musik mit seinem 1968 erschienenen Film „2001: Odyssee im Weltraum“ weltberühmt gemacht. Sie stellt einen Sonnenaufgang lautmalerisch dar, und für die Fans in Indianapolis geht jetzt wirklich die Sonne auf: Dieser Trompetendreiklang ist das Zeichen für die Ankunft ihrer Majestät, des King of Rock ‘n‘ Roll. Obwohl der Saal bestuhlt ist, stehen die meisten Zuschauer auf. Jetzt legt der Schlagzeuger los, und echte Elvis-Fans hören natürlich sofort, welchen Titel er anspielt: „See See Rider“. Das heißt, sie wissen es eigentlich schon vor den ersten Takten, denn seit mehr als fünf Jahren läuft eine typische Elvis-Show immer mehr oder weniger gleich ab. Wie eine rituelle Handlung, wie eine Liturgie. Eine Elvis-Show der 70er-Jahre enthält keine aufwendigen Effekte, sondern konzentriert sich ganz auf die Ausstrahlung ihres Stars.

Alles dient nur dazu, Elvis zu feiern

Die Begleitband, die Backgroundsänger, die ganze Bühnentechnik, alle dienen nur dazu, Elvis zu feiern. So wie jetzt in der Market Square Arena in Indianapolis. Und da ist Elvis endlich auf der Bühne, leibhaftig und genau so, wie wir ihn noch von alten „Bravo“-Bildern in Erinnerung haben: mit schwarzer Wallefrisur, langen Koteletten und im legendären Pizzaanzug, offiziell „Sundial Suit“ genannt, diesem weißen, paillettenbesetzten Overall, der heute zur Pflichtgarderobe eines jeden Elvis-Imitators gehört. Hier aber steht jetzt das Original auf der Bühne, läuft die Reihen ab, lächelt, lässt sich die Gitarre um den Hals hängen und geht zum Mikro: „Oh see see rider“. Die Fans hören ganz genau hin: Klingt seine Stimme vielleicht ein wenig brüchig? Ist vielleicht doch etwas dran an den Gerüchten, Elvis sei todkrank? Aber nein, Elvis‘ einmalige Stimme klingt voll und klar, die erste Nummer läuft so gut wie selten zuvor. Elvis begrüßt das Publikum. Er scherzt wieder mit seinem permanent wiederholten „Well, well, well“, ein Running Gag auf seiner Konzert-Tournee. Elvis strahlt. Die Fans flippen aus. Elvis lebt.

Was sie nicht wissen und auch nicht wahrhaben wollen: Die gute Laune und die volle Stimme sind kein Beleg für eine strahlende Gesundheit, sondern für die Professionalität des routinierten Entertainers. Der King of Rock ’n‘ Roll ist völlig am Ende. Vor allem eine chronische Darmerkrankung mit schwerVerstopfung macht ihm seit Jahren zu schaffen. Und Elvis’ Fress-Attacken, sein gestörtes und extrem ungesundes Ernährungsverhalten wirken da natürlich doppelt schädlich. Und dann die ganzen Drogen und Medikamente. Vor allem für die ständigen Live-Auftritte der letzten Jahre musste er öfter fitgespritzt werden. 1973 war er eine Zeit lang im Krankenhaus, nachdem sich seine Frau Priscilla von ihm getrennt hatte. Es hieß, er musste von einer Cortison-Überdosierung entgiftet werden. Cortison und Fressorgien schließlich führten innerhalb weniger Jahre zu dem Bild, das Elvis jetzt, bei seinem letzten Konzert, abgibt. Seine ehemals gertenschlanke Figur ist dahin, sein Gesicht aufgedunsen. Spätestens seit seiner Las-Vegas-Phase ist Elvis ein anderer geworden. Dort hatte er 1969 nach vielen Kino- und TV-Produktionen wieder angefangen, live aufzutreten.

Die Show im International Hotel war von Anfang an der Renner.

Mit den 70ern kam dann auch die Mode der 70er, Elvis’ Frisur und seine Bühnengarderobe legen ein eindrucksvolles Zeugnis davon ab. Haarspray, Pailletten und Glitter ohne Ende. Auch der Musikstil ändert sich über die Jahre. Aber zwei Dinge sind Elvis immer geblieben, und sie lassen die Fans in der Market Square Arena zu Recht begeistert jubeln: Elvis hat eine einmalige Bühnenpräsenz und er hat eine einmalige Art, Musik zu interpretieren. Elvis ist mit einer warmen, kraftvollen Bariton-Stimme gesegnet, er erreicht aber auch die Tenorlage spielend leicht. Elvis trifft jeden Ton sicher und er hat ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, er hat einfach den Groove. Frappierend ist seine Fähigkeit, die Klangfarbe und den Ausdruck seiner Stimme zu verändern. Elvis schreibt keinen einzigen Titel selbst, und doch macht er alles, was er singt, zu seinem eigenen Song. Elvis stellt die Interpretation über die Komposition. „Ein Song ist keiner, bevor du ihn gesungen hast“, sagte er einmal. Und so kommt es, dass eben nicht nur sein hochgestellter Kragen stilprägend wird. Elvis gelingt es, aus sogenannter schwarzer und weißer Musik etwas Neues zu formen. Auch sein Aussehen, das den Einfluss indianischer Vorfahren erkennen lässt, passt nicht in die alte Schwarz-Weiß-Schublade.


Als Elvis 1954 eine alte Blues-Nummer von Arthur Crudup aufnimmt, da vermischt er „schwarzen“ Rhythm and Blues mit „weißer“ Countrymusik und erschafft damit eine neue Spielart des Rock ‘n‘ Roll: „That’s All Right Mama“ gilt als erster Rockabilly-Titel der Musikgeschichte.

Der Auftritt in Indianapolis ist der letzte eines Konzert-Blocks im Rahmen einer Marathon-Tournee, die Elvis seit 1970 durch die Vereinigten Staaten treibt. Nach diesem Konzert sind ein paar Wochen Heimaturlaub geplant. Der nächste Konzertblock soll dann im August in Portland starten und ihn sogar nach Europa führen. Doch dazu wird es nicht kommen. „Can‘t Help Falling In Love“ singt Elvis als Rausschmeißer am Ende seines allerletzten Konzerts. Wenige Wochen später macht sein Kreislauf die Belastungen nicht mehr mit, und Elvis stirbt kurz vor dem nächsten Konzerttermin in seinem Haus in Memphis. Aber wirklich tot wird er für seine Fans natürlich nie sein. By Peter Böhnel/Forum